Oliver Klimpel
Stilvorlagen
oder
Go wild in the country
Where snakes in the grass
Are absolutely free!
oder
Zehn Episoden über Taste-Making und klassenbildende Maßnahmen
* * *
Das Oberhaar bis zu 30cm lang, viele Stufen, ein geföhnter Fransen-Look mit viel Volumen und kaum ausgedünnt, der auf der Höhe der Wangenknochen beginnt und sich nach unten bis auf Schulterlänge fortsetzt durch viele, sich nach hinten wegdrehende Locken. Blond. Das ist der Haarschnitt, den Tausende von Frauen bei ihren Friseuren 1976 nachfragten: der "Farah". Mit ihrer sonnigen Mähne und den gebrannten Wellen war Farah Fawcett aus "Charlie's Angels" im Fernsehen der Star mit der aufregendsten Frisur des Jahres. Niemand hat den "feathered look" je wieder besser aussehen lassen als die kürzlich verstorbene Fawcett. California-Sexiness und ein Hyper-Optimismus der opulenten Reagan-Jahre - Fawcett verkörperte auch durch ihre Ehe mit dem "Sechs-Million-Dollar-Mann" und "Colt für alle Fälle"-Schauspieler Lee Majors das All-American-Dreamgirl, welches sonnige Sportlichkeit und eine Vor-AIDS-Erotik in Pin-Up-Qualitäten verwandelte und letztlich mit dem "Farah" zum Vorbereiter der Haarmodeentsprechung des sich anbahnenden schulterpolster-betonten Kleidungsstils Power Dressing wurde. In den Achtzigern nämlich wechselten viele Frauen zu einem recht ähnlichen Haarstil, der aber etwas kürzer war. Die Inspiration stammte diesmal von Diana Spencer, die inzwischen Princess of Wales hieß und den englischen Thronfolger Charles geheiratet hatte. Kurze Frisuren waren eine natürliche Wahl geworden für vielbeschäftigte, selbstbewusste, unabhängige Frauen in verantwortlicher Position mit Macht und Einfluss. Die Mähne war Vergangenheit, der Schnitt war kürzer und leichter. Blonde Strähnchen akzentuierten außerdem. Kurz nach der Taufe von Prinz William 1982 war Lady Diana zu einem Look der schneidigen Kostüme und imposanten Schulterpolster übergegangen. Breitkrempige Hüte waren seit Jahren unbeachtet geblieben, doch kombiniert mit ihrem neuen Stil, der neben dem Executive-Look der Business-Etagen und großen Namen der Modebranche auch entfernt Anleihen bei den New-Romantics nahm, verhalf sie Hüten zu einer Renaissance in der Mainstream-Fashion für gesellschaftliche Ereignisse.
* * *
Als ich den Track "Go wild in the country" von "Bow-Wow-Wow" das letzte Mal hörte, das muss jetzt ungefähr zwei Jahre her sein, fielen mir komischerweise zunächst statische Bilder ein. Post-Punk-Irokesen-Look, eine Melange von Urban Warrior in bedruckten T-Shirts und einer archaischen Jungle-Optik, die Pop in einen farbenfrohen Urwald transferierte. "Bow-Wow-Wow" war eine Band, die Malcolm McLaren ins Leben gerufen hatte, nicht zuletzt um Vivienne Westwoods Klamotten in Szene zu setzen. Eine Musik also, die von stilistischen Requisiten dominiert, bzw. ein Designprojekt, welches von Sounds und Rhythmen begleitet wurde. Das erste Mal hatte ich diesen Track in einem kleinen und dunklen Café in Camberwell im Londoner Süden gehört. Mein Freund Sam und ich hatten an diesem späten Nachmittag schon zwei Pints Carling getrunken, dem damals mit Abstand billigsten Lager in der englischen Hauptstadt, als er mich auf den Song aufmerksam machte, der aus zwei riesigen Boxen im hinteren Teil des verrauchten und vage karibisch dekorierten Ladens hallte. Das war 1991. Damals war der Track bereits neun Jahre alt. Obwohl New Wave bzw. Punk gemeinhin als improvisierte, zufällige und chaotische Bewegungen ohne Anführer beschrieben werden, gab es doch durch die Nähe zur Welt der Publicity und des Konsumverhaltens in der sich ein wichtiger Teil der ästhetischen Revolte ironischerweise manifestierte, Personen, die entscheidend dirigierten. Malcolm McLaren gehörte zu genau diesen Akteuren. Er war der vermutlich der wichtigste Taste-Maker, seit Andy Warhol in den 60er Jahren Boheme mit einem schwulen Bauarbeiter-Appeal kombiniert hatte und mit Hilfe einer Riege aus Transvestiten und Exzentrikern mit Drogenneigungen in die Öffentlichkeit katapultiert hatte. Die sich ständig ändernden Namen der Boutique, in denen McLaren auf der King's Road allmählich eine Art "Salon" für New Wave geschaffen hatte, zeigte die Sensibilität, mit der er Ideen testete und Märkte erschloss. Der Laden hieß zunächst "Too Young To Live, Too Old To Die", dann "Let It Rock" und später "Sex". Gleich den saisonalen Rhythmen der Fashion-Welt lösten sich die Looks in schnellen Abständen ab. Fetisch-Schnitte und Leder in den Outfits der von ihm promoteten Bands wurden durch eine unbekümmerte und grafische Theatralik in Make-Up und Mustern ersetzt. Und es war auch McLaren, der sowohl "Adam & The Ants" als auch "Bow-Wow-Wow" durch afrikanisches Inspirationsmaterial auf die Fährte eines perkussionslastigen Sounds und einer lustvoll-oberflächlichen Ethnizität brachte. Von "Bow-Wow-Wow" war es dann nur noch ein kleiner Schritt zu Boy George und "Culture Club", deren sexuelle und ästhetische Hybridität die vielfarbige Collage von Pop und Camp zu einem vorläufigen Höhepunkt bringen sollte.
* * *
Taste-Making ist auf existente stilistische Vorurteile angewiesen. In den USA geht es dabei meist um sexuelle Ausrichtung, um Geld oder Religion. In England, einem Land, das sich in den letzten 50 Jahren weniger als Macht der Warenfertigung, denn als Produzent erstaunlich potenter (sub)kulturell-ästhetischer Bewegungen und den daraus folgenden Produkten der Entertainment-Industrie hervorgetan hat, sieht das anders aus. Wie nirgendwo in Europa besteht hier das Klassensystem weiterhin. Navigation, Zugang und Identifikation zwischen ganz unterschiedlichen Aspekten des modernen Lebens definieren sich darüber. Wichtigste Anhaltspunkte: Sprache und Kleidung. Entweder sind diese Indizien Bestandteil täglicher Einordnungsrituale, oder sie werden zu subversiven Spielbällen kulturellen Ausdrucks. Flirts mit industriellen Arbeitskleidungen, Aneignungen von sprachlichen Formulierungen oder Dress-Codes der Upper-Class, Middle oder Working Class sind Teil der medial ausgetragenen Wettkämpfe. Für ein Mädchen mit dem Vornamen Tracy ist es bis heute ein Ding der Unmöglichkeit, in die Vorstandsetage eines wichtigen britischen Unternehmens aufzusteigen, es sei denn als ambitionierte Chef-Sekretärin mit Vorstopper-Aufgaben. In Deutschland liegen die Dinge anders. In unserer langsam aufbrechende Konsensgesellschaft wird noch immer der Traum eines nivellierten Einheitsmittelstandes verfolgt. Allerdings werden hier Vorurteile massiv nach dem klassischen Modell von hoch- und minderwertiger Kultur, akademischen Bildungsmaßstäben und traditionell verstandenen Formen von Wissen und Intellektualität formuliert und Gruppen danach unterteilt. Ein Blick auf Deutschlands Printmedien und seine Fernsehlandschaft zeigt, wie hier, über politische Grenzen und Eigentumsmodelle hinweg, eine krude Einteilung in high und low-brow betrieben wird. Auf der einen Seite die Intellektualität der Feuilletons großer Tageszeitungen und von Bildungssendern wie Arte, auf der anderen die populären Formate der Programme des öffentlich-rechtlichen Fernsehens und privater Sender. Unternehmerisch und gestalterisch nehmen sich beide Bereiche kaum: beide sind durch mut- und innovationslose Entscheidungen geprägt. Als Plattform zum Testen und Etablieren neuer und spezifischer geschmacklicher Tribes taugen diese Formate kaum.
* * *
Ihre Eltern hatten drei Nächte gebucht. Als der Volvo Kombi kurz nach Mitternacht bei starkem Regen auf dem Anwesen im schottischen Dunmore eintraf, konnte man in der Dunkelheit nicht einmal die Konturen des ungewöhnlichen Sommerhauses ausmachen. Gänzlich unvorbereitet traten die zwei Schwestern daher am frühen Morgen über das Hauptportal aus dem Hausinneren heraus.und nachdem sie einen Blick auf den kurzgeschorenen Rasen des Parks geworfen hatten und sich umdrehten, sahen sich dem Haus gegenüber, in dem sie die letzte Nacht verbracht hatten. Auf dem zweistöckigen Unterbau thronte eine riesige, 14 Meter hohe Ananas. Sie bestand wie der Großteil des übrigen Hauses aus Sandstein und war im unteren Teil mit umlaufenden Sash-Fenstern versehen. Das Mauerwerk der Ananas wies genau jene miteinander verschmolzenen Fruchtknoten mit ihren spitzen Enden und den Blätterschopf am oberen Ende auf, die diese Frucht so unverwechselbar machen. Erbaut hatte dieses exzentrische Gebäude ein heute unbekannter Architekt für John Murray, den vierten Earl of Dunmore, der es um 1761 seiner Frau zum verspäteten Hochzeitsgeschenk machte. Eine Frucht, so ungewöhnlich und aufregend in ihrer Form, so süß im Geschmack, eine Frucht, die von Abenteuern in fernen Welten erzählte - der Inbegriff dekorativer Exaltiertheit. Luxus durch Unterhaltung - und Unterhaltung durch Luxus. Welch grandiose Idee, die Ananas selbst zum Haus werden zu lassen! Keine andere Pflanze hatte anscheinend die Lust stärker geweckt, die darin bestehen konnte, in einem Haus zu wohnen, das die übertriebenen Formen genau dieser fremden und wohlschmeckenden Kultur angenommen hatte. Erst ab der Mitte des 19. Jahrhunderts hatte man begonnen, die Südfrucht in Europa in Gewächshäusern zu ziehen. Bis dahin blieb sie eine Fantasie bizarrer Schönheit, die, über beschwerliche Wege nach England gebracht, nicht nur beim Earl of Dunmore und seinen Gästen Verwunderung hervorrief. Die beiden Schwestern rannten in das Schlafzimmer ihrer Eltern, um sie zu wecken.
* * *
Entsagung und Vergnügen bilden ein seltsam instabiles Wechselverhältnis - wobei jede Idee von Luxus im Leben einer Person einen Verlust bei einer anderen zu implizieren scheint. Selbst die Popularität und der Erfolg von Sportarten mag von dieser Beziehung abhängig sein - wovon zum Beispiel die enorme Popularität von Golf in der Upper Class zur Zeit der Jahrhundertwende zeugt. Vom amerikanischen Ökonom und Soziologen Thorstein Veblen und seiner "The Theory of The Leisure Class" von 1899 hatte ich in einer Rezension von Jorge Luis Borges gelesen. Borges schreibt, dass er sich anfänglich nicht sicher war, ob es sich bei dieser Schrift um eine raffinierte Persiflage oder eine ernstgemeinte Studie handelte. Veblen erklärt sich darin unter anderen den Siegeszug von Golf in der amerikanischen Oberschicht durch das krasse Missverhältnis zwischen der Anzahl beteiligter Spielern und dem exzessiven Raumbedarf. Genau weil Golf von allen Sportarten diejenige sei, die den meisten Platz für die geringste Anzahl an Mitspielern benötige, so Veblen, sei sie so unglaublich erfolgreich. "Conspicuous consumption (vordergründiger, offensichtlicher Konsum)", sozusagen.
* * *
"Seit ungefähr fünf Wochen werde ich, Mr. Crumpet, von den furchtbarsten Formen heimgesucht. Wenn ich in den Bus steige und stumm dasitze, sehe ich mit 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit in einer Ecke oder mir direkt gegenüber ein schreckliches Ding - entweder bei jemandem um den Hals gelegt oder auf seinem Schoß, von der Person aber gänzlich unbemerkt. Wenn ich nach Hause komme, starren mich ein Dutzend grässliche Dinge im Korridor an. Folgendes ist los: Ich habe mir die "korrekten Prinzipien" des Geschmacks angeeignet. Vor fünf Wochen war ich in der Abteilung angewandter Kunst im Marlborough House, um mir das Museum für orientalische Kunst anzusehen. Ich hatte von der eingerichteten Gruselkammer gehört, fand sie dann auch und lief mit meinem Katalog in der Hand hindurch. Es war eine düstere Kammer, ausgestattet mit schrecklichen Gardinen, Teppichen, Kleidungsstücken, Lampen usw. In jedem einzelnen Fall erklärte mir der Katalogtext, warum dieses oder jenes Ding nicht erträglich sei. Außerdem fand ich dort auch, schwarz auf weiß, ein paar Hinweise, was die richtigen Prinzipien des Dekorierens in der jeweiligen Kategorie des Kunsthandwerks seien. Ich hätte heulen können! Ich schämte mich für das Muster meiner eigenen Hose, da genau dieses als Beispiel in der Ausstellung hing. Ich traute mich nicht, mein Taschentuch herauszuziehen, solange jemand in der Nähe war, weil man mich gesehen hätte, wie ich den Schweiß auf meiner Stirn mit etwas versucht hätte abzutupfen, das wie eine Koralle aussah. Ich sah es alles vor mir. Als ich nach Hause kam, wurde mir klar, dass ich bis zu dieser Stunde inmitten all dieser Schrecken gelebt hatte. Einer meiner besten Freunde und Kunden ist Mr. Martin Frippy, ein wohlhabender, verheirateter junger Mann, den ich vor fünf Wochen noch als einen extrem eleganten und geschmackvollen Gentleman angesehen hätte. Vor zwei Tagen betrat er etwas unerwartet mein Haus, so dass ich wegen seines widerlichen Äußeren überrascht war und ausrief: "Um Gottes Willen!" Er trug eine großkarierte Hose und an beiden Hosenbeinen waren sechs schwarze Bänder. Er hatte drei farbige Gürtel um seinen Körper gebunden. Seine Weste hatte Knöpfe in Pferdeform und durch das Gesicht einer Opernsängerin, die sich auf seinem Hemdkragen befand, bohrte sich eine Nadel, auf deren Kopf ein reitender Jockey angebracht war. "Mr. Frippy", sagte ich, "diese Hose ist scheußlich." "Mein lieber Freund" erwiderte er, "was ist denn verkehrt an ihr?" "Und das Hemd ist auch ein furchtbarer Unfug. Mr. Frippy, Ornament ist essentiell geometrisch. Direkte Nachahmung der Natur mag hier und da angemessen sein, aber als Regel steht sie im Widerspruch zum vorbildlichen Geschmack. Ornament braucht Symmetrie, eine sorgfältige Beziehung der Einzelteile zueinander und eine Balance der Farbe. Jedes Objekt in der Natur, Mr. Frippy, ist ein Ornament. Nehmen Sie zum Beispiel einen Fasan. Er ist gekleidet in ein Tuch aus ganz unterschiedlichen Farben, aber eines, das einem harmonischen Design folgt und keine Kopien anderer Gegenstände benutzt! Oder haben Sie denn schon einmal einen Fasan in einem Muster aus Rennpferden und Ballett-Tänzern gesehen?"
* * *
Als Prinz Albert die erste Weltausstellung in London 1851 organisiert, zusammen mit Henry Cole, Francis Henry, George Wallis und anderen, geht es nicht nur um ein Display britischer Kolonialmacht und das Zelebrieren industrieller Errungenschaften; es ist auch an der Zeit, eine neue Form des Konsumenten zu erschaffen. Die Mittelklasse ist allmählich dabei, zur kaufkräftigsten Schicht zu werden und diese Schicht braucht Führung - Anleitungen zur Art und Weise, wie sie sich über Gebrauchsgegenstände zu identifizieren und über erworbene Produkte und Wohnungseinrichtungen ausdrücken kann. Kultiviert werden soll das ganz im Sinne von Flauberts Madame Bovary und ihrer Identitätsfindung durch Konsum. Um diesen Bildungsanspruch an eine ganze Klasse voranzutreiben, eröffnet ein Jahr nach der Weltausstellung in den Räumen des "Museums of Oriental Studies" (das spätere Victoria & Albert Museum) eine Ausstellung mit dem Namen "Chamber of Horrors". Zusammengestellt hat sie der Kunsthistoriker Henry Cole, der bereits in die Organisation der Schau in Paxtons Crystal Palace involviert war. Zum ersten Male werden der breiten Öffentlichkeit nun Beispiele vorgestellt, die von den Ausstellungsmachern schlecht, unterentwickelt oder grundfalsch genannt werden. Außerdem werden den Besuchern die Prinzipien des guten Geschmacks als Richtlinien mit auf den Weg gegeben. So wird etwa über die durch überbordende Ornamentik eingeschränkte Funktion von Objekten lamentiert oder gegen inhaltlich unmotivierte und unlogische Illustrationen als Dekor gewettert sowie über übertriebene Mischungen unterschiedlicher Materialien, Farben und Muster geklagt. Durch die industrielle Revolution und Massenfertigung von Haushaltsgegenständen ist in England der Trend des Home Decorating entstanden, der scheinbar nach Erziehung schreit und Qualitätskriterien braucht, um einem geschmacklichen Wildwuchs entgegenzuwirken. Anstatt eine einfache Rezension über Henry Coles Ausstellung zu schreiben, entschließt sich Henry Morley, der für das von Charles Dickens gegründete Journal Household Words schreibt, stattdessen den fiktiven Mr. Crumpet aus dem Londoner Vorort Brixton darüber berichten zu lassen. Neben vorherrschender Skepsis scheint allerdings auch Bewunderung für Cole durch, wenn Morley sich in seinem Text über die Konsequenzen der Entschiedenheit lustig macht, mit der der gemeine Volksgeschmack wieder auf gehobenere Bahnen gebracht werden soll. Dieses Training des Geschmacks tritt allem zum Trotz einen Siegeszug durch die westliche Welt an und nach gut 50 Jahren erreicht die Kampagne zur ästhetischen Bildung der Massen auch Deutschland. 1909 ist es ein real existierender Herr Gustav Pazaurek, der in einer Ausstellung in Stuttgart gleich Cole "Geschmacksverirrungen im Kunstgewerbe" aufdecken will. Im Katalog sind die Verfehlungen und Bespiele schlechten Geschmacks fein säuberlich in drei Kategorien unterteilt:
Affektierte Verwendung von Materialien
- Porzellanvasen in der Form eines Baumstumpfes
- Aschenbecher aus Briefmarken gefertigt
- Linoleum, das wie Holz oder Leder aussieht
- sinnlose Kombination unterschiedlicher Materialien
- Schokoladenfiguren des Kaisers
Konstruktionsfehler
- metallische Gefäße für heiße Flüssigkeiten
- unstabile Vasen
- unbequeme Stühle
- Nadelkissen in Tierform
- Thermometer in Form einer Reitpeitsche Übertriebener Schmuck
- breite Marginalspalten in Büchern
- unnötig simple Bindungen
- religiöse und patriotische Motive
- Leberwurstverpackung mit Bismarck-Abbildungen verziert
* * *
Was in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einer Demonstration gesellschaftlichen Status gleichkommt, erlebt eine signifikante Fortsetzung in den 1980er Jahren. Design wird nun gleichzeitig als massentaugliches Differenzierungsmerkmal sowohl zu einer Befestigung von Klassenunterschieden benutzt als auch zu einer konsumeristischem Emanzipation (z.B. IKEA) über Formen skandinavischer und kontinentaler Moderne instrumentalisiert. Eine der interessantesten Etappen auf diesem Weg ist die Ausstellung "Taste", die der junge Kunsthistoriker Stephen Bailey, vom Habitat-Gründer Terence Conran unterstützt, im Keller des Londoner Victoria & Albert Museums 1984 kuratiert. Hier treffen Beispiele von high-brow taste und low-brow-Kitsch aus Grafik, Produktdesign und Architektur als Repräsentanten unterschiedlicher Wahrnehmungen von gut und schlecht aufeinander. Das Ausstellungsdesign, welches die Exponate entweder auf einer weißen Säule oder einem weißen Mülleimer als Plattform präsentiert, verstärkt die ohnehin schon provokante Rhetorik der Ausstellung. Hin und wieder werden die Objekte nämlich auch kontrovers zugeordnet, wie das Beispiel des TV-am-Gebäudes des postmodernen Architekten Terry Farrell zeigt, der mit dem Kompromiss, das Modell sowohl auf einem Säulenfuß als auch einer Mülltonne stehend zu zeigen überhaupt nicht einverstanden ist, wutentbrannt die Eröffnung verlässt und die Entfernung des Exponats aus der Ausstellung fordert.
* * *
Die Serviette lose auf dem Schoß ausgebreitet, nicht in den Kragen gestopft. Messer und Löffel auf der rechten Seite, die Gabel auf der linken. Unterschiedlich geformte Gläser für unterschiedliche Getränke. Etikette und (stilistische) Benimmregeln sind präzise - müssen sie doch Teilnehmer an Banketts und Essen in Wissende und Unwissende einteilen. In die, die selbstbewusst und scheinbar mühelos mögliche formale Fehler umschiffend sich darauf konzentrieren können, Anekdoten zum Besten zu geben, nur hin und wieder durch einen eleganten Bissen oder einen Schluck aus dem richtigen Glas unterbrochen, und die, für die sich der Abend wie eine Ewigkeit aus Bloßstellung oder angestrebter aber nie erreichter Konformität anfühlt. Und obwohl hier eine Beziehung von Formen und Normen des Verzehrens zum geschmacklichen Erlebnis nicht bestritten werden soll, so ist sie doch auch arbiträr, theatralisch und oft einem abrupten Wandel unterworfen. In bester Manier folgt auch sie Moden, die das Ereignis im Auge haben und den Gaumen allenfalls zum Anlass nehmen. Vom Mittelalter an bis zum 19. Jahrhundert war das übliche Arrangement der "Service a la française" - alle Gerichte waren gleichzeitig auf der Tafel aufgebaut. Erst dann wurde dieses totale, überbordende und vielleicht auch unübersichtliche Layout durch die wesentlich kontrollierte Form von Präsentation and Bedienung abgelöst, bei der die Gänge geheimnisvoll inszeniert nacheinander serviert wurden und bei der auch Hierarchien anders zutage traten: dem "Service a la russe". So fand zum Beispiel das Schneiden des Bratens bzw. das Vorpräparieren des Fleisches oder des Fisches nicht an der Tafel, sondern entweder unsichtbar in der Küche oder an einem separaten Tisch statt. Und es war an Alexandre Balthazar Laurent Grimod de la Reyniere, die Regeln aufzustellen, die schließlich die Benutzung der Serviette, den diversen Teilen des gedeckten Bestecks und den anderen Esswerkzeugen regelte. Bizarrerweise war Grimod de la Reyniere das Unglück deformierter Hände zuteilgeworden, was seinen wohlhabenden, aber furchtbar autoritären Vater dazu veranlasste, ihn als Kind auf dem Familienanwesen versteckt zu halten. Das hielt ihn allerdings nicht davon ab, später, zu Beginn des 19. Jahrhunderts, zur schillerndsten Persönlichkeit des kulinarischen Paris zu werden. Neben dem Ausrichten von thematischen Festessen mit Witz und Intelligenz und dem Verfassen der ersten Restaurant-Führer hatte er dem Konsumenten endlich standardisierte Qualitätsmaßstäbe für die Einordnung dieser sozialen Ereignisses mit auf den Weg gegeben.
* * *
Eines der großartigsten und amüsantesten Handbücher über den Stil einer Kaste ist "The Official Sloane Ranger Handbook - The First Guide To What Really Matters In Life" von Peter York and Ann Barr aus dem Jahr 1982. Ebenso in der Londoner King's Road gelegen wie Malcolm McLarens Punk-Laden, aber anders als jener nicht im heruntergekommenen Teil der Straße mit seinen Künstlern und Outcasts, sondern an ihrem schicken Ende befindet sich Sloane Square. Um diesen Platz herum gruppiert(e) sich die Szene der Henrys und Carolines in ihren Barbour-Jackets und Laura-Ashley-Sitzgruppen. Mit reichlich Ironie wird im Buch beschrieben, wie sich die Upper Class und eine Aspirational Upper Middle Class in den verschiedensten Formen zu erkennen gibt und welche Accessoires es bedarf, um als ein "Sloane" von seinesgleichen anerkannt zu werden. Lady Di: der "Sloane of all Sloanes". Das Buch führt die verschiedensten Outfits für beide Geschlechter auf, das Verhältnis zu Sex, Sauberkeit, Haustieren und Arbeit als solcher, behandelt Finanzen und Gardening sowie die Frage nach der richtigen Universität, den richtigen sozialen Ritualen, den Schulen für die Kinder, Einrichtungshäusern, Formulierungen und sprachlichen Ticks, den Beziehungen zur Aristokratie undsofort. Jedes noch so nichtig erscheinende Detail formt letztendlich ein wesentliches Puzzle-Piece in dem Erscheinungsbild, welches Zugehörigkeit regelt. Eine gemeinsame Sprache wird hier also zu einer ebenso lächerlichen wie effektiven Basis für Kommunikation und Verhandlung persönlicher sozialer und wirtschaftlicher Interessen. "Wie kleidet man sich angemessen?" fragte auch Adolf Loos 1903, als österreichischer Vordenker, Architekt und leidenschaftlicher Fan englischer Mode und Umgangsformen, und antwortet gleich selbst: "Modisch. Wann ist man modisch gekleidet? Wenn man die geringste Aufmerksamkeit bekommt." In der ersten und letzten Ausgabe seiner Zeitschrift "Das Andere" argumentierte er, dass eine modische Assimilation sowohl in seinen Reisen nach Timbuktu als auch Kratzenkirchen angebracht sei. Geschmack war hier hauptsächlich als Werkzeug zu sehen, welches einen in unterschiedlichen in Umgebungen erst richtig funktionieren ließ. Doch es gab in seinen Augen altmodische Formen in Österreich, die diesen diskret-subtilen und mühelosen Kleidungsweisen nicht entsprachen. Er echauffierte sich über die steifen Uniformen der Beamten und spottete über Morgenmäntel, die vor dem Blick vorübergehender Passanten unter einem weiteren Mantel verborgen werden müssten, selbst bei sengender Hitze. Doch Rat und Tat war zur Hand. Auch Loos bat sich als Führer durch den Geschmacksdschungel an: "Wenn Sie sich nicht sicher sind, wenden Sie sich an mich. Ich will alle Fragen nach bestem Wissen und Gewissen beantworten."
* * *
Voltaire sagt, dass der Mensch mit Geschmack andere Ohren und Augen hat als der grobe Mensch. Nun, das macht ihn wohl auch anfälliger.
* * *
Further reading:
Philip Core: The Original Eye, Arbiters of Twentieth Century Taste, Quartet Books, 1984
Interessenten können heute Übernachtungen im Pineapple House telefonisch unter 0044 1324 831 137 buchen
Henry Morley: A House Full Of Horrors, in: Household Words, volume VI, 4. Dezember 1852
Jorge Luis Borges: The Total Library, Penguin, 1999
Thorstein Veblen: The Theory of the Leisure Class, 1899
Stephen Bayley: Taste, An Exhibition about Values in Design, The Conran Foundation, 1983
Stephen Bayley: Taste, The Secret Meaning of Things, Faber&Faber, 1991
Peter York, Ann Barr: The Official Sloane Ranger Handbook, Ebury Press London, 1982
Adolf Loos: Das Andere, No 1, 1903
© Oliver Klimpel